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Warum die Kluckener nicht im Himmel bleiben mochten...


Lothar Pigorsch hat im Nachlaß seines Vaters Walter - 1912 in Vietkow geboren und als Filmvorführer in Pommern unterwegs gewesen - auch so einige Zeilen über die Bewohner von Klucken gefunden:

"Ja, die Kluckener waren ne´tolle Meute,
wie Wölfe lauerten sie auf die Beute.
Nein, sie waren keine Frommen
und sind doch in den Himmel gekommen..."

Aber, wie es den Kluckenern im Himmel erging, warum sie dort nicht länger bleiben mochten und noch so einiges anderes, mehr oder minder Sagenhaftes über die Bewohner der Gemeinde am Lebasee, das erfahren Sie hier und hier.


"Sagenhaftes" aus Hinterpommern neu aufgelegt

Ein Hinweis für die Freunde der pommerschen Sagenwelt - als Reprint immer noch erhältlich:

Otto Knoop: Volkssagen, Erzählungen, Aberglauben, Gebräuche und Märchen aus dem östlichen Hinterpommern. Posen 1885.
Ferdinand Asmus u. Otto Knoop: Sagen und Erzählungen aus dem Kreise Kolberg-Körlin. Kolberg 1898.

Beide Bücher sind zusammengebunden 1987 beim Georg Olms Verlag, Hildesheim-Zürich-New York erschienen: ISBN 3 487 07907 0


Die Schnapsflasche kam mit in den Sarg...

Über die Begräbnissitten in Klucken berichtete der Völkerkundler Franz Tetzner, welcher um 1895 Klucken aufsuchte und zu den Lebakaschuben forschte: Man maß in Klucken den Sarg mit der Rute aus und hob damit das Grab aus. Die Rute zerbrach man und warf sie dem Sarg nach. Die Bank, auf der der Sarg stand, warf man um, damit der Geist nicht darauf sitzen bleiben kann, wie Tetzner notierte: „Ein kleines Fest bei Speise und Trank im Krug, ja öfter auch bei Musik, schließt die Feierlichkeiten so wie bei Hochzeiten und Kindtaufen.“ Früher, so erfuhr der Wissenschaftler, gab man den Toten ins Grab eine Münze und einen Lieblingsgegenstand, so dessen Schnapsflasche und Schnupftabakdose, sein Gesangbuch, ferner Haare von seinen Haustieren und Federn von seinen Hausvögeln mit. Bienen und Haustiere bekreuzigte man, sobald die Leiche das Haus verließ, dass sie zurückbleiben. Starb eine Frau im Wochenbett, so wurde sie um den Altar getragen.


Bevor der "gütige" Weihnachtsmann kam...

...gab es zur Weihnachtszeit trotzdem reichlich Gaben für die Kinder. Nur, daß die Überbringer dieser Gaben nicht im roten Umhang und nicht immerfort gütig lächelnd daherkamen wie der Weihnachtsmann als letztendliche Erfindung der (US-amerikanischen) Werbeindustrie: Schimmel, Storch und reichlich andere, heute eigenartig anmutende, nicht immer vertraulich schauende und noch weniger anzuschauende Gesellen suchten dereinst auch in Klucken die Kinder heim. Der aus Schlawe stammende Maler Otto Priebe (1886-1945) hielt diese heute ausgestorbenen, ihre Urprünge im Heidnischen habenden Sitten zur Jahreswende um 1934 im Auftrag des Stolper Heimatmuseums fest. Dabei orientierte sich Priebe am von ihm in Rumbske Gesehenen. (Das Bild ist nach 1945 verschollen, eine zweite Fassung aber noch im heutigen Mittelpommern-Museum von Slupsk (Stolp) zu sehen.)
U. a. der 1937 geborene Siegfried Reimann erinnert sich an seine Kindheitserlebnisse zur Weihnachtszeit von 1942-1945 in Selesener Klucken: "Da kamen auch welche zu uns ins Haus, die haben nur gehauen, bei denen gab es nichts..." Da flüchtete er voll Angst schon mal zur Tante Alwine Kirk ins sichere Bett. Gerade auch wenn zur Jahreswende die Neujahrsmutter erschien. Denn die wollte nachschauen, ob die Weihnachtsgaben auch in Ehren gehalten werden...


Das Ungeheuer im Lebamoor

1309 wird bei einer Sturmflut der Wald von Lebamünde vernichtet. Bis heute sind einige Stubben der einst mächtigen Eichen im Ostseestrand zu sehen, wie das nebenstehende Foto belegt. Der von der Ostsee über die damals noch offene Meeresbucht des späteren Lebasee landeinwärts drückende Wind zog auch nach 1309 immer wieder die Lebaniederung und damit das Gebiet des späteren Klucken in Mitleidenschaft. Vor diesem Hintergrund entsteht die Sage, wie das Lebamoor entstand: „Zu beiden Seiten der Leba zieht sich ein breites Moor hin. Dort hat einst ein großer Wald gestanden. In dem machte ein schreckliches Ungeheuer den Weg unsicher, bis sich zuletzt alle Kaschuben verbanden und den Wald zu gleicher Zeit an allen Enden anzündeten. Da hat das Ungeheuer das Wasser der Leba und des Lebasee so gewaltig aufgeregt, dass zuletzt die Wasser Wald und Ungeheuer verschlangen und so das heutige Moor entstand. Andre erzählen, dass an der Stelle des Moores früher ein großes Gewässer gelegen habe, und daher komme es, dass auch jetzt noch die Moorschicht auf Wasser ruhe.“


Kluckener Hochzeitssitten und weitere Merkwürdigkeiten

Aus der Zeit um 1870 mögen die Kindheitserinnerungen des Altsitzers Hermann Ruch aus Selesener Klucken stammen: „... wo weder feste Wege noch Stege Klucken mit der Umwelt verbanden, fühlten sich die Bewohner von Klucken wie Könige in einem kleinen Reiche... Man sagt, dass sie nur eine Heringstonne voll Kartoffeln anbauten, und dass diese Kartoffeln das ganze Jahr reichten. Am liebsten lagen sie auf dem See oder streiften im Wald umher.“ Kluckener Hochzeiten dauerten vier bis fünf Tage, wobei das ganze Dorf mitfeierte, sich aber auch an der Verköstigung der Gäste beteiligte. Kluckener Polterabendsgericht war Kartoffeln mit Grütze. „Dabei kreiste in nicht zu großen Abständen die Schnapsflasche und die Kanne mit selbst gebrauten Bier.“ Typisches Hochzeitgericht im Dorf waren gekochte Hühner mit Kartoffeln, getrockneter Stör, Klöße mit Backobst und Hafersuppe. Als Nebenmahlzeiten gab es zumeist Brot mit Fisch. Zur Nachhochzeit wurde der Fisch vom See geholt – und mit Vorderladern die Hühner geschossen, denn „man wollte doch Wildgeflügel essen“! Denn Wildern war verboten, doch das hielt die Kluckener nicht davon ab...
Zudem ist auch noch überliefert: Am 19. November 1889 waren zwei Kluckener Hochzeiten. Die Brautleute gehen zur Kirche, nach "altslawischer Weise" schießt man, trotzdem dies längst verboten war, mit Pistolen. Von den zwei Jünglingen Klick und Pollex bittet der erste den zweiten, ihn auch einmal schießen zu lassen und will ihm die Pistole nehmen. Sie geht los und Klick fällt tot zu Boden. Der Pastor weigert sich, die kirchliche Trauung zu vollziehen. Des anderen Jünglings Anverwandte legen aber Fürbitte ein und Pastor Edelbüttel fragt: Wollt ihr Kluckener wieder schießen?. Alle riefen: Nein. Am folgenden Freitag fanden fünf neue Trauungen statt, da unterblieb das Schießen. Doch wie lange wohl?


Die Schnapsflasche als Wappen der Kaschuben?

Neben dem Hang zur Wilddieberei haftete den Kluckenern immer auch ihr Hang zum hochprozentigen Alkohol an. Seltsam nur, dem Schnaps sprachen die Dorfbewohner zwar gern zu. Nur, die Gastwirtschaft am Ort mochte keiner von ihnen führen. Diese Aufgabe übernahmen immer nur Auswärtige. Bekannt ist vor 1900 das Gastwirtspaar Rohde. Denen folgte Arthur Manzek aus Ruschütz mit seiner Frau Anna Sitterlee aus Schimmerwitz. Letztere führte die Wirtschaft nach dem Tod ihres Mannes dann zwar noch gemeinsam mit einem Kluckener Pollex weiter, doch Schwiegersohn Wilhelm Dargusch aus Sophienthal folgte rasch nach. In dessen Gastwirtschaft - s. Foto - ging es stets lange gesellig zu: "Nach Hause, nach Hause gehen wir noch lange nicht - bei Dargusch brennt noch Licht..." hieß es dann nur erleichtert im Dorf und an den eigenen Heimweg dachte keiner mehr... Doch auch Dargusch, in Klucken seßhaft geworden, mochte die Gastwirtschaft dann nicht mehr haben. Er verpachtete sie an August Albrecht - natürlich auch ein Auswärtiger, aus Sageritz.
Bezüglich des Hangs zum Alkohol unter den Bewohnern des Lebasee meint dann auch Heimatforscher Siegfried Gliewe um 1925: „Falls für die Kaschubei ein Wappen erfunden werden sollte: man brauche nur eine Schnapsflasche in das Wappenschild aufzunehmen.“



Ein Herr Gratznautka gab Klucken seinen Namen...


Am 10. Dezember 1717 wird bzw. werden einem Michel Kleccen in Kluecken die Tochter bzw. Töchter Chrystke bzw. Swiatka Kleccen geboren. Aus Kleccen entsteht später der Familienname Kleck, dann Klick und Klück. Das soll Grund für die Namensgebung des Ortes gewesen sein, so ist zu lesen: „Der erste Ansiedler in diesem Dörfchen war ein gewisser Gratznautka. Seine einzige Tochter heiratete einen Kluck. Dieser Ehe entsprangen sieben Söhne, die alle dort wohnen blieben. Diese nannte man die Klücken und die Siedlung Klucken.“


Der Teufel als Schatzhüter


An der Südseite des Lebasees liegt das Dorf Giesebitz. Es bildet gewissermaßen eine Insel im Lebamoor, und die Giesebitzer nennen daher die Bewohner anderer Dörfer "die auf dem Lande". Nur ein passierbarer Fahrweg führt von Süden durch das Moor nach Giesebitz. Bevor man diesen erreicht, kommt man durch einen Wald.
In diesem Wald, so wird erzählt, verirrte sich einst ein kassubischer Bauer namens Schimanke, der in der Nacht von Glowitz ziemlich angetrunken nach Hause ging. Da sah er ein Kohlenfeuer, merkte aber in seiner Betrunkenheit nicht, daß es dort Geld lutterte, vielmehr hielt er es für ein gewöhnliches Feuer. Er legte sich daher bei demselben nieder, um sich zu wärmen; und um die Glut noch mehr anzufachen, stakerte er mit seinem Kreuzdornstock in den Kohlen herum. Da erschien ein großer Bulle, der brummend um ihn herumging. Das war der Böse selbst, der den Schatz bewachte. Doch der Kassube ließ sich durch das Brummen nicht einschüchtern, sondern drohte dem Tier mit dem Stock, und da er diesen nicht aus der Hand ließ, hatte der Böse keine Macht über ihn.
Endlich war die Zeit da, wo der Teufel verschwinden mußte. Der Kassube überließ sich dem Schlaf, und als er am Morgen erwachte, sah er einen großen Haufen Gold vor sich, denn die Berührung mit dem Kreuzdornstock hatte bewirkt, daß die Kohlen ihre ursprüngliche Gestalt wieder annahmen und nicht in die Tiefe versanken. Die Kassuben trugen damals noch kurze Hosen und lange Strümpfe; diese füllte Schimanke mit Gold an und ist ein reicher Mann geworden.